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Datum:
07.07.2011
Autor:
Friederike Stangier

Entdeckungsreise Biennale: Eine Lagunenstadt im Kunstrausch

 

Venezia

Venezia

Eine Entdeckungsreise durch Venedig während der 54. Biennale

 

Wenn „Luna“ sich ihren Weg nach Venedig bahnt und kurz vor den Giardini, am östlichen Teil der Laguneninsel, zum halten kommt dann liegt Kunst in der Luft.

„Luna“ ist die 115 Meter lange Yacht des russischen Milliardärs Roman Abramovic ohne den mittlerweile kein Kunstgroßereignis mehr stattfindet.


Venezia

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Hat man an den Eröffnungstagen sein imposantes blau-weißes Gefährt und den darum platzierten Sicherheitszaun passiert, gelangt man zu den Giardini, in denen sich einige Länderpavillons befinden, die seit dem 4. Juni zeitgenössische Kunst der Öffentlichkeit präsentieren, neben anderen Schauplätzen in den Arsenale und in der Stadt.

Die Biennale in Venedig, die älteste aller Biennalen, welche 1895 als Schau für Gegenwartskunst gegründet wurde, wird dieses Jahr von der Schweizerin Bice Curiger geleitet.

Unter dem Titel „Illuminations“ vereinte Curiger sowohl Länderpavillons als auch Kollateralprojekte, die auf unterschiedlichste Art und Weise den Titel, der pointiert mit der Bedeutung von Licht-Erleuchtung-Nation spielt, aufnahmen und verarbeiteten.

Egomania_Deutscher Pavillon
Egomania_Deutscher Pavillon

 

 

Der Deutsche Pavillon, bespielt mit Arbeiten des im letzten Jahr verstorbenen Theaterkünstlers Christoph Schlingensief, trägt die Aufschrift Egomania (das GER wurde mit EGO übermalt) und entführt seinen Betrachter in die „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, so auch der Titel der von Susanne Gaensheimer kuratierten Schau. Als Hauptkulisse der theatralen Installation dient die Bühne der „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, die Schlingensief 2008 für die Ruhrtriennale kreierte.

Auf Leinwänden in der Installation werden alte Filme und Videos von Schlingensiefs Afrikaprojekt gezeigt. Besonders deutlich wird in der Schau Schlingensiefs Leidenschaft für Beuys, so verwandte er viele Zitate Beuys’ in seinen Arbeiten, und sein größtes Projekt, das auch über seinen Tod hinaus Bestand hat, bezeichnete er in Anlehnung zu Beuys als soziale Plastik:
ein Opernhaus in Burkina-Faso.

Ist dieses Projekt auch noch so lebensbejahend, so bleibt wie immer bei Schlingensief, der in den letzten Jahren vor allem seine Krankheit und den Tod thematisierte, ein bitterer Nachgeschmack beim Verlassen des Pavillons.

And Europe will be stunned_Polnischer Pavillon
And Europe will be stunned_Polnischer Pavillon

Neben installativen Arbeiten hat die Biennale dieses Jahr auch einige schöne Videoarbeiten zu bieten. So zum Beispiel die Arbeit „And Europe will be stunned“ von der Israelischen Künstlerin Yael Bartana, die dieses Jahr den polnischen Pavillon bespielt. In beeindruckenden und sehr aufwendig produzierten Videos entwarf sie eine fiktive Geschichte über das Jewish Renaissance Movements, das die Rückkehr der Juden nach Polen fordert: eine Geschichte, dessen Pathos und Kraft sich vor allem über die sozialistisch anrührende Bildsprache realisiert und Fragen zur Diaspora und dem Judentum Europas aufwirft.

Neben den Ausstellungen in den Hauptpavillons gibt es noch weitere Ausstellungen, kollaterale Projekte, die sehr empfehlenswert sind. So zum Beispiel die Gruppenschau „Personal Structures“ im Palazzo Bembo, die von Karlyn de Jongh und Sarah Gold kuratiert wurde. Jeder Raum des alten Venezianischen Hauses wurde mit einem Werk bespielt. Überzeugend sind vor allem die Raumauswahl und die perfekte Präsentation der Werke von u.a. Francois Morellet, Joseph Kosuth, Roman Opalka und Lawrence Weiner. Die Räume verstärken die installativen, großen Werke und wirken physische auf den Betrachter ein, er sieht die Arbeiten nicht nur, sondern er erspürt sie grade zu.

Ansicht auf die Biblioteca Zenobiana Temanza
Ansicht auf die Biblioteca Zenobiana Temanza

Besonders berührend ist die Ausstellung „Old News“ von der Russischen Künstlerin Anastasia Khoroshilova in der Biblioteca Zenobiana del Temanza.

Sie fotografierte während einer Reise in den Nordkaukasus die Mütter von Beslan, die ihre Kinder 2004 während der Geiselnahme einer Schule durch Terroristen verloren. Die großformatigen Fotografien in Lichtboxen befinden sich in aufgeklappten großen Transportkisten auf den Boden. Um den Müttern ins Gesicht zu sehen muss sich der Betrachter hinknien. Ist er mit ihnen auf Augenhöhe kann er kurze Nachrichtenbeiträge auf kleinen Bildschirmen ansehen, die von dem besagten Tag berichten und an der anderen Seite der Transportkiste angebracht sind. Ist man in dieser knienden Position konfrontiert auf der einen Seite mit den Blicken der Mütter und auf der anderen Seite mit einem Flashback der Ereignisse wird man zutiefst betroffen.

Das vergangene Ereignis, das im fortschreitenden Medienkonsum schon lange zurückliegt, wird unvermittelt wieder hervorgespült und holt den Betrachter in die Gegenwart und den anhaltenden, gegenwärtigen Schmerz der Angehörigern zurück. „Old News“ ist eine sehr intensive Arbeit, besonders durch ihre aktive Involvierung des Betrachters.

Die Biennale in Venedig findet noch bis zum 27. November 2011 statt.

Mehr Informationen unter www.labiennale.org


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